Über Ziele und Hintergründe des Projektes

Über sieben Jahre schrieb Michael Ende an seiner Geschichte MOMO. Als sie 1973 erschien, verbreitete sie sich schnell über den Globus. Der Roman wurde in vierzig Sprachen übersetzt und gehört bis heute zu den meistgelesenen Büchern der Welt. Millionen von Kindern erfuhren von dem Wesen des kleinen Mädchens Momo und von ihrem Kampf gegen die Zeitdiebe, indem ihre Eltern ihnen die Geschichte vorlasen. Bei vielen Menschen ist in dieser Zeit eine tiefe Verbindung zu der sanften Heldin entstanden.
Während wir an der Reportage gearbeitet haben, spürten wir immer wieder diese Verbindung, und auch in den vielen Gesprächen nach Filmvorführungen erfahren wir: Momo öffnet die Herzen.
Doch ist es nicht nur diese innere Verbindung, die MOMO bis heute zu einem der beliebtesten Bücher der Welt macht. Dem Roman liegt offensichtlich auch eine prophetische Kraft inne, denn viele Details der Erzählung scheinen aus unserer heutigen gesellschaftlichen Realität zu erzählen.

Momo lebt  in der Ruine eines Amphitheaters in einer kleinen verschlafenen Ortschaft. Sie hat keinen materiellen Besitz und nur eine einzige besondere Fähigkeit: Sie kann so gut zuhören, dass Menschen durch die Begegnung mit Momo ihre Angst verlieren, Streitigkeiten beilegen können, ihre eigene ganz einzigartige Besonderheit wahrnehmen und neuen Mut schöpfen können. So ist Momo von einem großen Freundeskreis umgeben.
Doch die Menschen der Ortschaft geraten schleichend unter den Einfluss von namenlosen Agenten einer Zeitsparkasse. Die grauen Herren verströmen eine beängstigende Kälte, umhüllen sich mit dem farblosen Rauch ihrer Zigarren und treten mit dem immer gleichen Angebot auf: Sie behaupten, eingesparte und bei ihnen angelegte Zeit nach Jahren mit Zins und Zinseszins zurückzuzahlen und sie belegen dies anhand beeindruckender Zahlen.
Ihrem Angebot kann kaum jemand wiederstehen und das verändert die Stimmung der kleinen Gemeinschaft in kurzer Zeit sehr stark: Die Menschen beginnen ihr Leben zu rationalisieren. Zunächst sind es nur vereinzelte, die ihr Verhalten verändern, jedoch sind diese dadurch wirtschaftlich erfolgreicher und angesehener als andere und so dringt das Phänomen des Zeitsparens rasch in alle Bereiche des Lebens vor. Die wenigen, die sich zunächst noch gegen den Druck wehren wollen, werden von der Masse mitgerissen. In Erwartung eines besseren Lebens nach der Rückzahlung ihrer rasch wachsenden Rendite an Sekunden, Minuten und Stunden werden die Zeitsparer den grauen Herren immer ähnlicher.
Doch die gesparte Zeit kehrt niemals wieder zu ihren Eigentümern zurück, denn die Lebenszeit der Menschen stirbt, wenn sie nicht mehr im Besitz ihres ursprünglichen Eigentümers ist.

Michael Ende hat in vielen seiner Geschichten mit gesellschaftlichen Fragen und Theorien gespielt, Figuren und Handlungen auf Basis von Gedanken entwickelt, die sich nicht auf den ersten Blick offenbaren. So enthält auch MOMO eine bisher kaum beachtete tiefere Ebene, die die Geschichte zu einem wertvollen Erbe, zu einer Anregung, fast zu einer Anleitung für unsere von grauen Herren vereinnahmte Gegenwart macht.
“Ich bin zu der Ansicht gelangt, dass unsere Kulturfrage nicht gelöst werden kann, ohne dass zugleich, oder sogar vorher die Geldfrage gelöst wird”, schrieb Michael Ende in einem Brief über die Hintergründe seiner Geschichte.
Wir dürfen MOMO also verstehen als Parabel über Geldsysteme, ihre Konstruktion und deren Auswirkungen auf die menschliche Gemeinschaft.

MOMO könnte ein neues
ökonomisches Bewusstsein erzeugen

Dass Geldsysteme gestaltbare Konstruktionseigenschaften besitzen, ist bisher nicht zu einem Teil des gesellschaftlichen Bewusststeins geworden. Die Konstruktion eines Geldsystems trägt viele Facetten in sich. Sie offenbart sich unter anderem auch in der Frage, die eine Bank stellt, wenn sie Geld schöpft. Bei der Vergabe eines Kredits, dem Schöpfungsakt in unserem System, ist es die Frage nach Wachstum: “Bist du leistungsfähig genug, um uns in Zukunft mehr zurückzugeben als wir heute in dich investieren”?
Unser Geld entsteht durch ein Wachstumsversprechen.
Es gab Zeiten, in denen Währungen mit anderen Werten wie beispielsweise mit Gold “gedeckt” waren. Um Geld zu schöpfen fragte die Bank damals nach der Menge des Goldes in ihrem Besitz. Diese Deckung existiert heute nicht mehr, man könnte jedoch sagen, die Deckung unseres heutigen Geldsystems sei ein Wachstumsversprechen. Es ist dadurch gleichsam auf Wachstum programmiert und nimmt Einfluss auf den Charakter aller Leistungen die mit diesem Geld finanziert werden.
In einer mit diesem Geld durchwirkten Wirtschaft, muss alle wirtschaftliche Tätigkeit, müssen alle Teilnehmer – freiwillig oder unfreiwillig – nach Wachstum streben. Ökonomen wie Politiker werden für sämtliche Probleme nur eine einzige alternativlose Antwort kennen: Wirtschaftliches Wachstum. Selbst Menschen, die sich leidenschaftlich für Nachhaltigkeit engagieren werden in zinsbasierten Geldsystemen zu Erfüllungsgehilfen des “globalen Projekts” Wirtschaftswachstum.

Wie viele Menschen sind gezwungen sich täglich als Zahnrad im Rhythmus dieser Maschine zu drehen? Wie oft bewegt uns die Sorge um Geld dazu, die Konsequenzen unseres Handelns innerlich zu leugnen oder gegen unsere Überzeugungen Kraft und Zeit aufzubringen, um wirtschaftliches Wachstum zu erzeugen?

Diese Wachstumsdynamik liegt dem Geld schon seit vielen Generationen inne. Heute jedoch verursacht sie durch die globale Vernetzung der Ökonomie und durch die Möglichkeiten der modernen Technik besonders dramatische Gefahren und Schäden.
Unser Geld erfordert eine Ausbeutung von natürlichen und menschlichen Ressourcen bis über die Grenzen ihrer Belastbarkeit hinaus. In diesem Kontext bleibt nur die Wahl zwischen einem wirtschaftlichen Kollaps und einer ökologisch-gesellschaftlichen Katastrophe.
Unser Geld wirkt wie ein Wachstumshormon in einem ausgewachsenen Körper: Es macht den Organismus krank.

»Ob einer seine Arbeit gern, oder mit Liebe zur Sache tat, war unwichtig. Im Gegenteil, das hielt nur auf. Wichtig war ganz allein, dass er in möglichst kurzer Zeit möglichst viel arbeitete”.«

Michael Ende hat in MOMO die Ausbeutung der Lebenszeit hervorgehoben. Die Menschen verschwinden zunehmend hinter ihrer Arbeit, die ihnen zugleich immer weniger entspricht. Die Arbeitszeit nimmt den Menschen den Raum für die private Zeit. Zwischenmenschliche Begegnungen und Freundschaften werden flüchtiger. Eltern vernachlässigen ihre Kinder und trösten sie mit Konsumartikeln und Statussymbolen. Die Menschen verlernen, sich füreinander Zeit zu nehmen und sich gegenseitig zuzuhören. So schlägt sich der Zeitmangel zuletzt auch in den Gesprächsgewohnheiten der Gemeinschaft nieder: Begegnungen reduzieren sich auf rationale Inhalte. Die Menschen verstehen sich nicht mehr und rücken voneinander ab. Es entstehen ergebnislose Diskussionen und Streit.

Unser Geldsystem ist die systemische Manifestation der Hierarchie, der Macht und des Besitzanspruchs. Seine Eigenschaften haben Einfluss auf unsere Wahrnehmung und unser Verhalten. Es hat sich über Generationen in gesellschaftlichen Strukturen, in unseren Herzen und in Verhaltensmustern eingeprägt und ist dabei zu einem kollektiven Geld-Trauma angewachsen. Dieses Trauma hat viele Erscheinungsformen: Wir begegnen ihm in der Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlagen, es zerreißt die menschliche Gemeinschaft in Reich und Arm, es wirkt als bedrohliche Macht des Mammon über die Demokratie, es erzeugt Konkurrenz- und Zeitdruck und wachsende Zahlen von Burnout, Depressionen und Selbstmorden.
Geld erzeugt existentielle Angst und wird dadurch zur Hauptursache für Menschen, ihre Zeit und Kraft für eine Tätigkeit zu opfern, die nicht ihrem Wesen entspricht. Es macht uns zu grauen Herren.

»Momo nahm all ihre Kraft und ihren Mut zusammen und stürzte sich ganz und gar in die Dunkelheit und Leere hinein, hinter der der graue Herr sich vor ihr verbarg.
„Hat dich denn niemand lieb?“ fragte sie flüsternd.«

Dennoch lohnt es sich, diesem System Aufmerksamkeit zu schenken, denn so groß die destruktive Kraft des Geldes heute ist, so groß ist auch die Chance, die in seiner bewussten Konstruktion liegt. Es ist die Chance, unseren Planeten in Zukunft nachhaltig zu bewohnen und für unsere Kinder und Enkel zu bewahren.
Mit einem neuen Wissen über die Mechanik und den Einfluss von Geldsystemkonstruktionen könnten wir in Zukunft neue Systeme erschaffen. So wie die Menschheit heute große Kraft aufwendet, um Wachstum zu erzeugen, so würde ein neu gestaltetes System uns vielleicht ermöglichen, diese Kraft neu auszurichten.
Wie wäre es, wenn wir neue Geldsysteme mit Werten programmieren, die uns wichtig und überlebensnotwendig sind? Erscheint es zu fantastisch, Geld mit sauberer Luft, oder mit authentischer Gemeinschaft zu decken, statt mit grenzenlosem Wachstum? Vielleicht könnten wir mit einem Bewusstsein über solche Möglichkeiten zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit das Potential dieser Systeme kreativ nutzen und sie mit dem Bedarf des Planeten und den Bedürfnissen der Gesellschaft in Einklang bringen.

Nachdem wir nun ausgewachsen sind hätten wir die Chance auf eine Blütezeit.

Eine Vorraussetzung um diese Chance zu ergreifen ist, ein neues breites Bewusstsein in der Gesellschaft – eine Bereitschaft und Neugier, unser Geld als Rohstoff der Wirtschaft neu zu denken.
Das Erwachen dieses neuen Bewusstseins ist deutlich spürbar und diesem Bewusstseinssprung könnte eine erneute, erwachsene Beschäftigung mit der Geschichte MOMO zusätzliche Kraft geben. Das Buch erfreut sich noch immer ungebrochener Beliebtheit. Die Kinder von damals sind erwachsen geworden und lesen heute ihren eigenen Kindern aus MOMO vor. Viele von ihnen fühlen sich noch immer verbunden mit dem kleinen Mädchen, das vor 40 Jahren die grauen Herren besiegte.

»Momo lebt in einem Amphitheater, wie in einem großen Ohr, mit dem sie in die Welt lauscht«, sagte Michael Ende einmal in einem Fernsehinterview. Wir werden mit dem geplanten Film lauschen – uns mit Momos Augen und Ohren in die Welt bewegen und dabei ein Portrait der Kraterlandschaften zeichnen, die unsere Wachstumsökonomie zwischen Menschen und in der Natur hinterlässt. Wir werden den Zuschauer mitnehmen, mitten in den Schmerz der Welt. Und wir begegnen Menschen, die sich auf den Weg gemacht haben und sich auf ihre Weise mit Geld, mit Zeit oder mit der Fähigkeit des tiefen Zuhörens auseinandersetzen.
Michael Endes leidenschaftliches Bemühen, die Eigenschaften von Geldsystemen auch in das rationale Bewusstsein der Öffentlichkeit zu bringen, ist zu seinen Lebzeiten gescheitert. Vielleicht war die Zeit noch nicht reif, eine ökonomische Krise noch nicht spürbar. Die Welt war noch geteilt in gut und böse, West und Ost, faul und fleißig, schuldig und unschuldig, die Vorteile des Systems noch zu mächtig und die zerstörenden Auswirkungen noch zu weit entfernt.
Ein Grund dafür könnte aber auch sein, dass Zahlenkolonnen und Formeln sich nicht in unser Gedächtnis einprägen. Sie sind flüchtig wie der Rauch und die Kälte der grauen Herren.
Momos Geschichte berührt uns, weil sie so eng mit unserem persönlichen Erleben verknüpft ist und doch stehen mathematisch-ökonomische Überlegungen im Hintergrund des Buches. Unsere Beziehung zu MOMO ist tiefgreifend, weil sie emotional ist.Diese Bindung macht uns Hoffnung, solchen Überlegungen heute eine neue, breite Aufmerksamkeit zu verschaffen.

Oliver Sachs